FAQ – selektiver Mutismus

Selektiver Mutismus (SM) ist eine Angststörung, die in der Regel vor dem 5. Lebensjahr beginnt und sich in einer deutlichen sozialen Kommunikationsproblematik zeigt. Das schweigende Verhalten beeinträchtigt die Betroffenen unter anderem in Bezug auf schulische Leistungen und/ oder soziale Kommunikation/Freundschaften. Es dauert mindestens vier Wochen an, ist also nicht auf die ersten Schulwochen beschränkt und wurzelt auch nicht in mangelnder Sprachkompetenz. Die Störung kann nicht besser durch eine Sprechstörung wie Stottern erklärt werden und tritt nicht ausschliesslich in Verbindung mit anderen Störungen wie zum Beispiel einer Autismus-Spektrum-Störung auf (Wittchen, H.U, & Falkai, P., DSM-V, 2015)
Betroffene Kinder reden in der Regel problemlos mit Eltern und Geschwistern. Sie haben aber Schwierigkeiten, ausserhalb der vertrauten, häuslichen Umgebung und mit Fremden zu sprechen. Das Schweigen ist nicht willentlich steuerbar: Kinder mit selektivem Mutismus wollen sprechen, können es aber nicht. Im Gegensatz zu schüchternen Kindern, die sich mit der Zeit aufwärmen, erleben sie eine massive Sprechblockade. Diese tritt besonders in Situationen auf, in denen eine hohe Erwartung zu sprechen besteht. Deshalb sind Kindergarten und Schule meist die herausforderndsten Lebensbereiche für Kinder mit selektivem Mutismus. Aber auch Alltagssituationen können problematisch sein: Arztbesuche, Geburtstagsfeiern, Spieltreffen oder alltägliche Begegnungen beim Einkaufen und in der Nachbarschaft.

Im Durchschnitt ist eines von 140 Kindern betroffen (0.71%; Bergman, Piacentini & McCracken 2002). Die Forscherinnen Starke & Subellok (2017) fanden jedoch in einer umfassenden Studie an Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen bei 2,6% der Kinder Verhaltensweisen, die für den selektivem Mutismus typisch sind. Nur die Hälfte dieser Kinder hatte aber eine entsprechende Diagnose, was auf eine hohe Dunkelziffer hinweist.

Es gibt bei SM einen recht hohen Anteil von begleitenden Auffälligkeiten. Neben weiteren Angst- sowie Zwangsstörungen und Depressionen zeigen bis zu 94% der Kinder Symptome einer sozialen Phobie (Gensthaler et al., 2016). Bei 30 – 50 % der Betroffenen finden sich Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung. Beispielsweise können sie Sprachlaute nicht gut im phonologischen Arbeitsgedächtnis speichern oder haben Mühe, feine Unterschiede zwischen Sprachlauten wahrzunehmen (Kristensen & Oerbeck, 2006). Bei manchen Kindern mit SM ist auch das Sprachverständnis mit beeinträchtigt (Manassis et al. 2003 & 2007) oder es fällt ihnen schwer, eine Geschichte nachzuerzählen, beziehungsweise frei von einem Erlebnis zu berichten (McInnes et al. 2004).

Warum schweigen Kinder in manchen Situationen, obwohl sie in anderen ganz normal und flüssig sprechen können? Als ursächlich gilt heute eine genetische Prädisposition, gepaart mit Verhaltensweisen der Umwelt, die das Schweigen unbewusst stützen, indem zum Beispiel Eltern, Freunde, Spielkameraden etc. für das Kind sprechen. Auf einen genetischen Einfluss weist hin, dass eineiige Zwillinge häufiger beide betroffen sind als Zweieiige (Subellok et al., 2010). Bei 70% der Familienmitglieder ersten Grades fand sich in Studien zudem eine soziale Phobie, wobei in einem Viertel der Fälle sogar beide Elternteile betroffen waren. 37% der Familienmitglieder gaben an, selbst selektiven Mutimus zu haben oder gehabt zu haben (Black & Uhde, 1995; Chavira et al., 2007). Vor einigen Jahren wurde zudem das Gen CNTNAP2 mit selektivem Mutismus und sozialen Angststörungen assoziiert (Stein et al. 2011). Als Risikofaktoren für den selektiven Mutismus gelten beispielsweise Übergangssituationen wie der Beginn der Kindergartenzeit oder die Einschulung, das Leben in fremder Kultur, Mehrsprachigkeit sowie Sprachentwicklungsstörungen.

Es gibt bisher keinen Nachweis dafür, unter welchen Bedingungen und bei wem sich SM auswächst. Eine Studie weist daraufhin, dass SM sich plötzlich lösen oder bis zur Adoleszenz langsam bessern kann (Steinhausen, Wachter, Laimböck & Metzke, 2006). Eine andere Studie spricht von einer Remissionsrate von 58% bei jungen Erwachsenen bis zum Alter von 22 Jahren (Remschmidt et al. 2001). Fachleute sind sich jedoch einig, dass eine möglichst frühe therapeutische Intervention wichtig ist, da nicht sprechen zu können, obwohl man es unbedingt möchte, extrem belastend ist und die Kinder in ihrer emotionalen, sozialen und akademischen Entwicklung sowie ihrer Partizipationsfähigkeit beeinträchtigt sind. Jeder Tag, den das Kind schweigend durchlebt, ist nicht neutral: Das schweigende Verhalten und die Wahrnehmung anderer, dass dieses Kind nicht spricht, werden verstärkt, während das Selbstvertrauen des Kindes geschwächt wird. Abzuwarten, ob sich das Schweigen von selbst löst, bedeutet zu riskieren, dass das Kind lange in seiner Not allein gelassen wird und leidet, obwohl ihm geholfen werden kann.

Da der selektive Mutismus in sehr jungen Jahren beginnt und betroffene Kinder häufig ein zurückhaltendes Temperament haben, wird das Schweigen von Eltern und Fachleuten oft lange als extreme Schüchternheit missverstanden. Während sich ein schüchternes Kind aber mit der Zeit aufwärmt und sprechen kann, leidet ein Kind mit selektivem Mutismus an einer massiven Sprechblockade und kann diese unter Umständen jahrelang nicht überwinden, wenn es keine Hilfe bekommt.

Wirksamkeitsnachweise liegen für verhaltenstherapeutische Interventionen vor (u.a. Bergman et al., 2012). Um das Schweigen zu überwinden, muss ein Kind mit selektivem Mutismus in kleinen, systematischen Schritten den Mut zum Sprechen aufbauen und üben, in all den Situationen zu sprechen, in denen es bisher geschwiegen hat. Ziel ist es nicht, die Angst zu verlieren, sondern genug Stresstoleranz aufzubauen, damit das Kind sprechen kann, obwohl es Angst hat. In kleinen Schritten wird dafür das mutige Sprechen geübt. Jeder Schritt darf gerade nur so gross sein, dass das Kind erfolgreich sein kann. Auf diese Weise sammeln sich immer mehr erfolgreiche Sprechmomente an und überwiegen langfristig die Schweigemomente. Das schweigende Verhalten wird so überlernt und der selektive Mutismus kann überwunden werden.

Sobald feststeht, dass ein Kind selektiven Mutismus hat, sollte interveniert werden – unabhängig vom Alter. Das schweigende Verhalten schleift sich sonst immer tiefer ein und ist dann schwieriger zu überwinden. Zudem steigt das Risiko für die Entwicklung weiterer Angststörungen und von Depressionen (Remschmidt et al. 2001), wenn das Schweigen das 10. Lebensjahr überdauert. Eine Mutismus-spezifische Therapie startet jedoch durchschnittlich erst mit 8 Jahren (Remschmidt et al. 2001). 40% der Kinder erhalten gar keine Therapie (Black & Uhde 1994). Bleiben Angststörungen unbehandelt, kommt es häufiger zu Schulverweigerung, familiären, akademischen und sozialen Problemen (Hopkins et al. 2013). Bei erwachsenen Klienten mit unbehandelten Angststörungen ist die allgemeine Erkrankungsrate erhöht, die Arbeitsproduktivität geringer und es kommt zu Suizidgedanken- und Versuchen (Kessler et al. 1999).

  • Sprechen einfordern („Du musst sprechen“)
  • Sprechen herauszulocken („Sing doch mit“)
  • Sprechen befehlen („Sag, wie Du heisst“)
  • das Kind beschämen („Du schaffst das ja sowieso nicht“)
  • das Kind zu manipulieren („Wenn Du sprichst, bekommst Du dafür xyz“)
  • das Kind zu bestrafen („Du gehst nicht in die Pause, bis Du antwortest“)
  • negative Bemerkungen zu machen („Sei doch nicht so schüchtern“)
  • Floskeln wie “Danke”, “Bitte”, “Hallo”, “Tschüss” oder „Entschuldigung“ einfordern. Aufgrund der sehr hohen sozialen Erwartbarkeit sind diese Floskeln mit hoher Sprecherwartung verbunden, was sie zu den schwersten Herausforderungen macht.

Was ist mutiges Sprechen?

Der Begriff des mutigen Sprechens wurde vom amerikanischen Psychologen Dr. Steven Kurtz mit der massgeblich von ihm entwickelten Parent-Child-Interaction-Therapy for Selective Mutism (PCIT-SM) geprägt. Grundlage ist dabei das verhaltenstherapeutische Vorgehen der Parent Child Interaction Therapy, das in den 1970er Jahren von Sheila M. Eyberg an der University von Florida entwickelt wurde. Ursprünglich war PCIT zur Behandlung von Störungen des Sozialverhaltens bei 2-6-jährigen Kindern gedacht und verknüpft spiel-, und verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen. Es wird darauf gebaut, die Eltern-Kind-Beziehung zu gestalten, so dass das Kind hochmotiviert ist, das Verhalten zu zeigen, welches schwierig für es ist. Für die Behandlung von Kindern mit selektivem Mutismus ergänzte Steven Kurtz die spieltherapeutischen Aspekte der PCIT mit spezifischen Kommunikationstechniken, die dem Kind helfen, zu sprechen (Cotter, Todd & Brestan- Knight, 2018).

Welche Rolle spielen die Eltern beim mutigen Sprechen?

Beim Mutigen Sprechen werden spiel- und verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen mit spezifischen Kommunikationstechniken verknüpft. Die Eltern werden von der ersten Stunde intensiv mit einbezogen und erlernen dieselben Techniken, die auch der Therapeut einsetzt. Zudem werden Pädagogen beraten und idealerweise auch geschult. Therapeut, Eltern und Pädagogen sind ein Team, das auf Augenhöhe zusammenarbeitet. Durch das intensive Coaching vom Therapeuten schlüpfen die Eltern nach und nach in die Rolle von Co-Therapeuten. Sie lernen, Alltagssituationen mit ihrem Kind immer besser und selbständig so zu meistern, dass das Kind sprechen kann. Außerdem können sie wichtigen Personen in ihrem Umfeld (Lehrpersonen und Pädagogen, Ärzte, Familienmitglieder, Freunde, Sporttrainer usw.) zeigen, wie diese dem Kind so begegnen können, dass das Sprechen leichter möglich wird. Es genügt nicht, ein Kind mit SM einmal pro Woche im Therapiezimmer abzugeben. Der Alltag ist die beste Spielwiese, um das mutige Sprechen zu üben, weil es täglich unzählige Chancen gibt, mutig zu sprechen: Beim Bäcker, im Restaurant, auf dem Weg zu Zoo, in der U-Bahn, auf Familienfeiern, beim Kinderarzt, im Supermarkt, in der Nachbarschaft…

Welche Bausteine gibt es beim mutigen Sprechen?

Das mutige Sprechen besteht aus zwei Grundbausteinen: Dem spieltherapeutischen Baustein, der Child Directed Interaction (CDI), in der das Kind sich aufwärmt und jeglicher Sprechdruck eliminiert wird, folgt anschliessend der sprachorientierte Baustein der Verbal Directed Interaction (VDI), in der dem Kind aktiv Chancen zum Sprechen angeboten werden. Der Ansatz basiert auf der Grundannahme, dass zuerst eine vertrauensvolle Beziehung zum Kind aufgebaut werden muss, weil diese die Voraussetzung für das Sprechen ist. Sobald das Kind mit der therapierenden Person entspannt sprechen kann, wird das Mutige Sprechen in allen möglichen Alltagssituationen geübt, damit das Kind nach und nach Mutmuskeln aufbauen kann.

Wie beginnt das mutige Sprechen?

Zu Beginn einer Begegnung gestaltet der Erwachsene die Situation so, dass das Kind sich in Ruhe aufwärmen kann und gar nicht erst in die Verlegenheit gerät, nicht sprechen zu können. Deshalb wird zunächst jeglicher Sprechdruck sorgsam vermieden: Es werden anfangs keinerlei Fragen gestellt. Denn wer nichts fragt, erwartet keine Antwort und nimmt so den Sprechdruck komplett aus der Situation heraus. Weil Begrüssungsfloskeln an hohen Sprechdruck gekoppelt sind, genügt eine freundliche Bemerkung wie „Schön, dass Du da bist“. Im Spiel gibt das Kind den Takt vor und der Erwachsene lässt sich darauf ein – es wird gespielt, was das Kind möchte, der Erwachsene macht begeistert mit. Statt über Fragen Kontakt aufzunehmen, wird das Verhalten des Kindes beschrieben und spezifisch gelobt: “Du stellst alle Autos nebeneinander. Du fährst mit dem roten Auto in die Parkgarage. Du lässt es die Rampe hinuntersausen. Ich mag, wie schnell Du das Auto runterfahren lässt!”
Weil jeglicher Sprechdruck von Anfang vermieden wird, entsteht eine Beziehung, in der das Kind sich als erfolgreicher Kommunikationspartner erlebt und nicht als ein Kind, das nicht sprechen kann. Das ist wichtig, weil Kinder mit selektivem Mutismus ihre Kommunikationspartner sehr schnell in Personen unterteilen, mit denen sie sprechen können und mit denen sie es nicht können – die Grenzen sind dabei sehr starr. Besteht mit einer Person erstmal eine Geschichte des Nichtsprechens, ist es schwerer für das Kind, das Schweigen zu überwinden – die Person ist als Nichtsprechperson kontaminiert.

Wie baut man aktiv Brücken ins Sprechen?

Nach der Aufwärmphase ohne Fragen, werden zunächst mit Hilfe von Auswahlfragen, später mit offenen Fragen und schliesslich mit direkten Sprechaufforderungen Chancen zum Sprechen kreiert. Diese Phase beginnt jedoch erst, wenn das Kind signalisiert, dass es entspannter ist. Das zeigt sich beispielsweise durch eine offenere Körpersprache, nonverbale Kommunikation, begeistertes Mitspielen oder Lachen. Gelingt es, in der Aufwärmphase begeistert miteinander zu spielen und keinen Sprechdruck aufzubauen, wagen es gerade Kinder im Kindergartenalter gar nicht selten sogar spontan, Geräusche, Laute oder vereinzelte Worte hören zu lassen. Auswahlfragen haben den Vorteil, dass die Antwort bereits in der Frage liegt. Das Kind spricht die Antwort im Grunde nach und ist deshalb weniger der Angst ausgesetzt, etwas Falsches zu sagen: „Lässt du als nächstes das rote oder das blaue Auto die Rampe runterfahren?“, „Soll mein Auto schnell oder langsam fahren?“, „Sollen wir weiter mit der Parkgarage spielen oder etwas anderes machen?“
Wenn Auswahlfragen gut klappen, können offene Fragen gewagt werden. Man wartet mit den offenen Fragen ab, weil hier das Kind frei formulieren muss, was schwerer ist: „Welches Auto gefällt dir am besten?“, „Was möchtest du jetzt spielen?“, „Was hast Du heute ein der Schule erlebt?“ Nach jeder Frage wird 5 Sekunden gewartet, um dem Kind genügend Zeit zu geben, den Mut zum Sprechen zu finden. Kann das Kind antworten, wird das Gesagte wiederholt und spezifisch gelobt:
„Möchtest Du eine Banane oder einen Apfel?“
„Eine Banane.“
„Banane, gut gesagt“.

Was bringt es, das Kind für das Sprechen zu loben?

Die gefährlichsten Drachen bewachen die wertvollsten Schätze. Spricht ein Kind mit selektivem Mutismus, hat es den Drachen für diesen Moment besiegt, und das ist eine enorme Leistung. Jede Äusserung des Kindes ist wie ein Goldtaler, der eingesammelt und gewürdigt werden will. Es braucht keinen Freudentanz, aber eine neutrale Anerkennung tut gut und macht dem Kind bewusst, dass es soeben das getan hat, was es bisher vermieden hat wie der Teufel das Weihwasser. Bisher hat es angenommen, dass ihm das Sprechen nicht möglich ist. Jetzt erlebt es, dass es entgegen seiner Erfahrung nicht nur sprechen konnte, sondern dafür sogar Lob und Anerkennung bekommt. Wenn wir für ein Verhalten gelobt werden, zeigen wir es häufiger. Langfristig hilft so das Wiederholen und Loben der Äusserungen, den Stress beim Sprechen besser auszuhalten und zu sprechen, obwohl es schwerfällt.

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